„Wir wollen die Bürokratie abbauen!“

Wie geht es dem Mittelstand in Deutschland? Welche Herausforderungen stehen ins Haus? Wie und vor allem wer kann Bürokratie abbauen? Und wie wichtig ist das Netzwerken und der Dialog untereinander, den wir mit unserem Unternehmermagazin Mittelrheinland fördern wollen? Mario Ohoven gibt Antworten. Der Unternehmer ist Präsident des Bundesverbands mittelständischer Wirtschaft – Unternehmerverband Deutschland.
Herr Ohoven, wie ist Ihr Eindruck: Wie geht es dem Mittelstand in Deutschland?

Den meisten Mittelständlern geht es gut, ihre Auftrags- bücher sind prall gefüllt. Ich füge aber ausdrücklich hinzu: Noch, denn weite Teile der deutschen Industrie hat die Rezession bereits erfasst. Im Dezember ist der Auftragsbestand in der Industrie weiter geschrumpft. Der exportabhängige Maschinenbau beispielsweise rechnet nach einem Rückgang im Vorjahr von 2 % auch für 2020 mit einem Minus in dieser Höhe. In seiner Breite ist der Mittelstand dennoch optimistisch gestimmt, allerdings nur, sofern es um das eigene Unternehmen geht. Das zeigt eine aktuelle Umfrage unseres Verbandes unter Mitgliedsunternehmen. Demnach schätzt ein Drittel die gegenwärtige Geschäftslage als befriedigend ein, 47 % als gut und 12 % sogar als sehr gut. Zudem erwarten fast 80 %, dass sich ihre Geschäftslage in diesem Jahr vorteilhaft oder zumindest stabil entwickeln wird. Ein gänzlich anderes Bild ergibt sich für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Hier befürchten über 70 % der Unternehmer ein Abgleiten unserer Volkswirtschaft in den Abschwung, so pessimistisch war der Mittelstand lange nicht. Daraus spricht in meinen Augen ein großes Misstrauen gegenüber dem Willen und der Fähigkeit der Politik, unsere Wirtschaft nachhaltig zu stärken.

Welche Themen bewegen die Mittelständler aktuell?

Auch dazu haben wir unsere Mitglieder befragt: Zu den wichtigsten Aufgaben, die die Politik aus Sicht des Mittelstands jetzt anpacken muss, gehört die Senkung der Steuerbelastung. Nur so können unsere Unternehmen international wettbewerbsfähig bleiben. Im Klartext heißt das: Als erster Schritt gehört der Soli vollständig abgeschafft – und zwar für alle. Die Unternehmenssteuern müssen von jetzt 30 % runter auf 25 %, besser noch auf 20 %. So wie es die USA, Großbritannien, Österreich und weitere Länder schon getan haben. Großen Nachholbedarf sehen die Mittelständler in der Digitalisierung, konkret beim Ausbau des Breitbandnetzes. Die Bundesregierung muss endlich Gas geben, damit Deutschland nicht auf Dauer abgehängt wird. Hierzu passt leider, dass von den 4,4 Milliarden Euro für den Breitbandausbau bisher nur 150 Millionen abgeflossen sind. Eine Dauerbaustelle bleibt der Bürokratieabbau. Dieser ständig wachsende Wust an Vorschriften, Verordnungen, Berichtspflichten und anderen bürokratischen Auflagen kostet die deutsche Wirtschaft jährlich 50 Milliarden Euro – mit steigender Tendenz. Diese Mittel fehlen dann den Unternehmen für sinnvolle Investitionen in unsere Zukunft.

Bürokratieabbau ist in Zeiten von Bonpflicht und anderen Vorgaben, die es Unternehmen im Alltag nicht leichter machen, ein großes Thema. Wo kränkelt das System? Wie kann Bürokratie abgebaut werden? Und: Wird bei diesen Themen zu wenig auf die Menschen und Macher aus der Praxis gehört?

Wer einen Sumpf trocken- legen will, darf nicht die Frösche fragen. Deshalb hat es keinen Sinn, wenn Bürokraten damit beauftragt werden, Bürokratie abzubauen. Daher bereiten wir gerade eine eigene Umfrage unter unseren Mitgliedern zu bürokratischen Hürden im unternehmerischen Alltag vor. Hier sollte die Politik auf die Erfahrungen aus der Praxis hören. Man muss sich nur einmal vorstellen, dass allein aus Bundesgesetzen rund 10.000 Informationspflichten für den Mittelstand resultieren. Dazu kommt die Bürokratie aus Brüssel: Im Jahr 2017 beispielsweise belief sich der Aufwand für die Unternehmen zur Umsetzung von EU-Vorgaben auf fast eine Milliarde Euro. Für den typischen Mittelständler, der im Unterschied zu Konzernen nicht über die entsprechenden Fachabteilungen verfügt, bedeuten diese Bürokratieberge zusätzliche Nacht- und Wochenendarbeit.
Stichwort Digitalisierung: Eine große Chance oder manchmal vielleicht auch eine große Gefahr für den Mittelstand?

Ich sehe die Digitalisierung nicht nur als Chance, sondern als absolute Notwendigkeit an. Hier gilt: „Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit“. Die meisten mittelständischen Unternehmer, und das ist die gute Nachricht, haben das Potenzial dieser Entwicklung längst erkannt und nutzen es auch. In unserer Unternehmerumfrage gaben fast 80 % an, dass sie ihre Geschäftsprozesse teilweise digitalisiert haben, über 12 % sogar vollständig. Das Problem ist die noch immer völlig unzureichende Infrastruktur: Wir werden nicht in der digitalen Champions League mitspielen, solange der Staat es nicht schafft, die strukturellen Rahmenbedingungen hierfür zu schaffen. Deutschland rangiert bei der Glasfaserverfügbarkeit weltweit auf Platz 71, das ist für die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt ein Armutszeugnis.

Sprechen wir über den BVMW: Einer der Grundsätze ist es, im Interesse der mittelständischen Wirtschaft Einfluss zu nehmen auf Regierung, Parlament und Ministerien. Wird das Wort des Mittelstandes dort gehört? Oder ist die Politik oft zu weit weg?

Im Unterschied zu Großkonzernen hat der einzelne Mittelständler so gut wie keine Chance, Gehör in der Politik zu finden. Und das, obwohl über 99 % aller Unternehmen in Deutschland zum Mittelstand gehören. Unser Verband bündelt deshalb als die Stimme des Mittelstands die Kräfte der vielen kleinen Unternehmen. Inzwischen spricht der BVMW im Rahmen seiner Mittelstandsallianz für über 900.000 Mitglieder – daran kommt keine Politikerin, kein Politiker mehr vorbei. So erzielen wir echte Erfolge für den Mittelstand. Nur drei Beispiele aus jüngerer Zeit: Die Verdoppelung bei der Sofortabschreibung geringwertiger Wirtschaftsgüter auf 800 Euro ist unserem Einsatz zu verdanken. Davon profitieren nahezu alle Klein- und Mittelbetriebe. Auf unser Drängen wurde endlich die steuerliche Forschungsförderung auch für Klein- und Mittelbetriebe eingeführt, die es in den meisten OECD-Ländern seit langem gibt. Das war ein massiver Wettbewerbsnachteil für deutsche Mittelständler. Außerdem konnten wir durchsetzen, dass das Bundesfinanzministerium von seinen Plänen abgerückt ist, die 44-Euro-Freigrenze für Debitkarten abzuschaffen. Den Nutzen haben sechs Millionen Arbeitnehmer und 100.000 Unternehmen.

Und wie ist es untereinander im Mittelstand? Wie erleben Sie es dort? Eine der Grundsätze des ehrbaren Kaufmanns ist der konstruktive Dialog mit anderen Unternehmern. Wird ausreichend gesprochen?

Die Vernetzung untereinander ist heute ein absolutes Muss für jeden Mittelständler. Häufig ergeben sich in Gesprächen mit anderen Unternehmern ganz neue Lösungsansätze für die eigenen Herausforderungen. Genau deswegen bietet der BVMW mit seinen bundesweit mehr als 2.000 Veranstaltungen jährlich ein ideales Forum für den Austausch vor Ort. Ich sage immer „Kontakte schaden nur dem, der keine hat“. Dass dabei die Grundsätze des ehrbaren Kaufmanns gelten, versteht sich von selbst. Wir verstehen uns als Wertegemeinschaft, wer in unserem Verband Mitglied wird, bekennt sich dazu mit seiner Unterschrift. Es zeichnet ja gerade den Mittelstand aus, dass die Unternehmer ihre soziale und gesellschaftliche Verantwortung aus innerer Überzeugung leben. Damit leisten sie einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft.

Welche Werte sind Ihnen als Unternehmer besonders wichtig?

Der Dreiklang aus Mut, Optimismus und vor allem Verlässlichkeit. Besonders wichtig ist mir auch, wie gesagt, die Übernahme von Verantwortung: für das Unternehmen, für die Mitarbeiter, für unsere Gemeinschaft insgesamt. Mittelständler denken nicht in Quartalen, sondern in Generationen. Dementsprechend spielt eine besonnene, vorausschauende und zugleich nachhaltige Wirtschaftsweise eine zentrale Rolle. Mit dem unternehmerischen Mut untrennbar verbunden ist Innovationsgeist. Nicht umsonst stammen rund 70 % aller Patente in Deutschland aus dem Mittelstand.

Was können Sie als Bundesverband tun, um den Mittelstand durch die bewegenden und schnelllebigen Zeiten zu unterstützen?

Wir werden auch und gerade in wirtschaftlich zunehmend unsicheren Zeiten für bessere Rahmenbedingungen für den Mittelstand kämpfen. In Berlin,in Brüssel und wo immer es nötig ist. Entscheidend ist jetzt, dass unsere Unternehmen entlastet und nicht zusätzlich belastet werden. Aus diesem Grund haben wir aktuell eine Verfassungsbeschwerde gegen das Soli-Gesetz der Großen Koalition beim Bundesverfassungsgericht eingereicht. Wir müssen uns als Verband gegen die massive Benachteiligung von Mittelstand und Mittelschicht wehren. Darüber hinaus steht der BVMW seinen Mitgliedern natürlich auch in Zukunft mit wertvollen, exklusiven Informationen zur Verfügung. Unser Verband sorgt für die Vernetzung der Unternehmer und verschafft ihnen vielfältige Wettbewerbsvorteile. Als Solidargemeinschaft halten wir es mit dem Sprichwort: „Wenn Du schnell gehen willst, geh‘ alleine. Wenn Du weit kommen willst, geh‘ gemeinsam.“

Der Bundesverband Mittelständische Wirtschaft: www.bvmw.de
Sarah Walenta, Leiterin des BVMW Mittelrhein
Der BVMW – auch regional nah dran am Mittelstand!

Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft e.V. (BVMW) ist auch regional stark aufgestellt und aktiv. „Wir betreuen vor Ort die Unternehmen aus dem Norden von Rheinland-Pfalz“, sagt Sarah Walenta, Leiterin des BVMW Mittelrhein. „Dazu veranstalten wir rund 35 bis 40, für den Mittelstand relevante, Veranstaltungen und Netzwerktreffen.“ Allein im Großraum Koblenz gehören knapp 230 Betriebe dem Verband an. „Als ich im Jahr 2013 mit meiner Tätigkeit begonnen habe, waren es weniger als 40. Wir sind in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Und die Tendenz zeigt uns, dass wir auch in Zukunft weiter wachsen werden.“ Ein starkes Signal für die Wirtschaft in der Region, die sich aktiver als je zuvor in Netzwerke einbringt und damit über den Tellerrand des eigenen Unternehmens schaut.

Das Engagement der Unternehmen innerhalb des Verbandes ist dabei ganz unterschiedlich: „Viele Betriebe interessieren sich sehr stark für das Netzwerken vor Ort. Und auch unsere Events und Workshops sind oft ausgebucht“, sagt Sarah Walenta. „Aber natürlich gibt es auch Unternehmen, die weniger regional, sondern stärker auf Bundesebene denken und agieren. Als BVMW können wir beiden Interessensgruppen eine Heimat bieten, wenngleich wir uns natürlich immer wünschen, dass sich Unternehmen auch verstärkt in den regionalen Netzwerken einbringen und aktiv sind.“

National wie regional liegt der Fokus des BVMW auf vier Säulen: Wissen, Netzwerk, Unternehmervorteile und Politische Impulse. Über die Aktivitäten im nördlichen Rheinland-Pfalz berichtet der Verband auf seiner Internetseite:

www.bvmw.de/mittelrhein
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